Worum es geht

Die Lange Nacht der Bildung ist eine kleine Rebellion. Denn die Unileitung hat anderes vor: Zur selben Zeit wie wir organisiert eine unheilige Allianz von Bund, Hochschulen und Grosskonzerne die «Lange Nacht der Karriere»: einen Abend lang Selbstvermarktung, CV-Checks, Fake-Bewerbungsgespräche, Networking. Sie scheinen zu wissen, wohin die Reise geht: Immer tiefer ins «Weiter so!»

Für eine neue Hochschule

In Gehdistanz zu diesem Jahrmarkt der Hoffnungslosigkeit greifen wir am Donnerstag16. November, die Themen der «Nacht der Karriere» neu auf. Wir fragen: Wohin führt uns Bildung? Welche Zukunft wollen wir? Und wie sähe eine progressive Hochschule aus?

Die Hochschule war schon immer Ort des Umbruchs. Luther rief von hier aus zur Reformation, Marx zur Revolution und die 1968er zur Revolte. Doch seit einiger Zeit ist es still geworden. Und dies, obwohl die Hochschule in der Wissensgesellschaft mächtiger ist, denn je: Noch nie gab es so viele Studierende wie heute. Und noch nie war die Hochschule so systemrelevant. Ohne Ingenieure gäbe es keine Brücken, ohne Grafikerinnen keine Werbung und ohne Ökonomen keine Banken. Streikt die Hochschule, steht die Welt irgendwann still.

Macht bringt Verantwortung mit sich. Wir glauben, dass es Zeit ist, diese Verantwortung wahrzunehmen. Und für eine Hochschule der Zukunft zu kämpfen. Dazu haben wir drei Thesen aufgestellt, die wir mit Euch diskutieren möchten.

1. Freie Bildung statt Prüfungswut

Die Bologna-Reform hat viele Studiengänge klarer strukturiert. Aber sie hat zu einer Flut von Leistungsnachweisen und Prüfungen geführt. Aus neugierigen Studierenden hat Bologna eine Schar kühl berechnender Punkte-Sammlerinnen gemacht. Wer heute nach Interesse lernt und anderes liest als vorgeschrieben, riskiert, in der Prüfung durchzufallen. Und wer länger studiert als geplant, wird bestraft: Er muss höhere Studiengebühren bezahlen. Dieses Klima macht krank: Immer wieder bringt es Freunde und Freundinnen von uns in die Vereinsamung oder an den Rand einer Depression. Leistungsdruck ist gefährlich: Er ist der Feind von Intellekt und Innovation. Denn Kreativität lässt sich nicht verordnen: Sie ist ein Kind der Freiheit. Darum kennt die Hochschule der Zukunft keine Prüfungen, Noten und Zeugnisse. Sie funktioniert ohne Selektion und ist offen für alle.

2. Bürgerinnen statt Arbeitsmaschinen

Das Problem der Gegenwart ist nicht, dass wir zu wenig arbeiten, sondern dass wir die falsche Arbeit erledigen. Wir produzieren hundert Joghurtsorten und tausend verschiedene Shampoos. Und am Schluss bleibt keine Energie für gesellschaftliches Engagement. Um unseren materiellen Wohlstand zu halten, müssten wir eigentlich immer weniger arbeiten. Die Automatisierung ist in vollem Gange: Jeder zweite Job könnte in Zukunft von Maschinen übernommen werden. Es ist deshalb Zeit, die Frage nach gesellschaftlich wertvoller Arbeit neu zu stellen: Wofür verwenden wir unsere Energie? Die Hochschule der Zukunft stellt sich dieser Frage. Sie begleitet ihre Studierenden nicht nur in den Arbeitsmarkt, sondern vor allem auf ihrem Weg als aktive Bürger und Bürgerinnen – jenseits der Lohnarbeit.

3. Echte Demokratie statt Scheinpartizipation

Die Hochschule der Zukunft ist demokratisch organisiert: Wer mitmacht, entscheidet mit. Dabei geht es um mehr als vegetarische Mittagessen und unverbindliche Evaluationsbögen. Die Studierenden haben Einsitz in allen wichtigen Gremien und sprechen bei Berufungsverfahren und Lehrplangestaltung mit.